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Essen mit Geschichten - Ein Abend beim Spanischen Kulturverein Reina Sofia in der Jülicher Straße

Nicht immer ist es der erste Eindruck: Das untere Ende der Jülicher Straße, ein schrabbeliger Eingang zum Spanischen Kulturverein.

Drinnen sitzen einige ältere Herren beim Frühschoppen und spielen Karten. Gäste kommen hierher eher freitags und samstags. Aber dann so richtig. Sodann, ein zweiter Anlauf am Freitagnachmittag: Es herrscht buntes Gewusel, Femi, Frau von Pepe, begrüßt die Gäste und erzählt den Neulingen, was es mit dem 1977 gegründeten Kulturverein auf sich hat. Sie erzählt von den etwa zwölf aktiven Mitgliedern, die den Verein aufrechterhalten, der sich ursprünglich als Treff für spanische Einwanderer gründete und auch Hilfe beim Umgang mit deutschen Formularen bot. Von den spanischen Gerichten, die am Wochenende von den Vereinsfrauen gekocht werden, der legendären Paella von Pablo (Foto), die man ab sechs Personen bestellen kann und dem Verkauf von spanischem Käse und Schinken, Wein, Schnaps und Weihnachtsgebäck.
Inzwischen stellt Maria einige Tabletts auf den Tisch, „Mein Mann hatte Geburtstag, also habe ich Kuchen mitgebracht.“ Ihre Eltern sind 1961 nach Alsdorf gekommen, zur Grube, zum Arbeiten, nur für ein paar Jahre, wie sie damals dachten. Sie ist dann mit acht Jahren nach Deutschland gekommen, in Aachen zur Schule gegangen und hat einen Belgier geheiratet. „Ich bin praktisch hier groß geworden.“
Auch Femi sinniert ein wenig über die Vergangenheit, früher kamen die Studenten, um sich an Brot und Aioli satt zu essen. Und es gab Flamencoabende, bei denen es so voll war, dass einmal eine Scheibe eingedrückt wurde. Es klingt ein wenig wehmütig, denn von den Jungen mache kaum noch jemand aktiv mit, sie kommen ab und zu, aber beim Kochen und Mitmachen bestehe doch ein gewisses Nachwuchsproblem.
Am Tisch sitzen neben Femi nun auch Maria Carmen, Kassiererin des Vereins und Köchin sowie die Nachbarn Margarete und Andreas, sie laden uns gleich ein, uns dazuzusetzen. Eine handgeschriebene Karte offeriert die Spezialistäten des Hauses, mit der Plato variado für 19 Euro kann man die ganze Tapasbandbreite probieren. Fast alles, was als kleine Portion für 5 bis 6 Euro angeboten wird, türmt sich auf der riesigen Platte, an der sich eine ganze Familie schadlos halten kann: Ravitos calamar (frittierte Tintenfischstücke), Pallitos (Seehechtsstäbchen), Gambas, Hühnchenschenkel, frittierte Anchovis, Enchilladas (gefüllte Teigtaschen) und vieles mehr, so dass sich aus den später eingepackten Resten noch ein formidables Mittagsessen gestalten lässt. Hunger muss also niemand leiden, aber Kalorien darf man auch nicht zählen.
Beim Essen reiht sich dann eine Geschichte an die andere, von Margarete, die in der Nachbarschaft wohnt und seit mehr als 30 Jahren kommt, obwohl sie keinen Spanier zum Mann hatte, einfach so, weil die Frauen sie irgendwann gefragt haben, ob sie nicht vorbeikommen wolle. Von den vielen Kindern der spanischen Familien, die bei ihr in der Wohnung übernachtet haben, als die Eltern unten gefeiert haben. Von Andreas, der mit einer Spanierin verheiratet war und als Maschinenbauer für Krantz die ganze Welt bereist hat. „In Spanien haben wir noch ein Haus, aber am schönsten war es in Mexiko, da hätt’ ich bleiben können“. Von Femi und Pepe, dem stattlichen Spanier mit der dicken Zigarre im Mundwinkel, der schon mal nicht reagiert, wenn sie ihn auf Deutsch anspricht und dann doch seine Liebste anstrahlt. Von ihrer Dackeldame Rosi, die eines Abends nicht zurückkam und die ganze spanische Gemeinde bis nachts auf der Jülicher Straße nach ihr suchte. Und ihrer Liaison mit einem Rauhaardackel, die dazu führte, dass plötzlich etliche spanische Familien in Aachen Dackelwelpen besaßen. „Die Geschichte schreibt nicht die Politik, sondern das Leben. Die Jungen heiraten, bleiben hier, die Enkel kommen, dann bleiben auch die Alten, die nur ein paar Jahre bleiben wollten.“ fasst Femi all das zusammen, was auf anderer Ebene gerade heiß diskutiert wird.
Das Fazit eines langen Abends: Nicht zur das Essen macht hier glücklich, sondern vor allem die Menschen, ihre Geschichten und das originale Flair. Gracias!

Text und Foto: Belinda Petri

Spanischer Kulturverein
Jülicher Straße 309
Tel: 02405-2730
Fr bis Sa ab 18 Uhr, (Küche ab 19 Uhr), So Frühschoppen 10-14 Uhr


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